Das schönste Unkraut der Welt

Es nieselt. Perfektes Wetter für einen Todestag. Jubiläum. 25 Jahre ohne Papa.

Der große Bruder hat Zeit und begleitet das Projekt „untergehende Sonne“.

So nenne ich ein Aquarell unserer Mutter. Es ist das letzte, das sie gemalt hat. Und sogar mit vollem Namen unterschrieben. Datiert: Juli 1992.

Die Gegenüberstellung von ihren Aquarellen und Tagebucheinträgen hat mir deutlich gemacht, warum unsere Mutter keinen Abschied nehmen konnte.

Vor ein paar Wochen höre ich im Radio vom Familienhörbuch. Klingt nach einem tollen Projekt.

Es wäre so schön gewesen eine letzte persönliche Nachricht lesen zu können. Immer wieder. Ein Ich-hab-Euch-lieb. Bleibt-wie-ihr-seid.

Sie hat gekämpft. Gehofft. Weitergemacht. Und dann war es zu spät.

Gemalt hat sie: Einen umgestürzten Baum. Eine rot glühende Sonne. Winterlich kahle Zweige, hoffnungsvolle Knospen, schwarze Vegetation. Das war im Juli.

Ende August schrieb sie:

Um das Aquarell nachbilden zu können, vorab unterschiedliche Pflanzenteile gesammelt. Hauptsächlich der Farben wegen: Feuerdorn, Rainfarn, Weißdorn, Gräser, Knöterich, Thuja, Silberpappel und Weide. Und Probe gelegt.

Am Grab Proportionen in den Sand gezeichnet und Arbeitsflächen aufgeteilt.

Welke Blätter des Rainfarns und Disteln markieren die Grasinseln. Feuerdorn, Weißdorn, Hagebutten und Hundsrose bilden die Sonne.

Die weiß leuchtende Rückseite der Silber-Pappel-Blätter stellen das Wasser dar und Knöterich und Grasähren bilden den Himmel.

Unser Vater schaut zu, zuckt mit den Schultern und gibt einen undefinierten Laut von sich, der soviel sagen soll wie, klar, wenn ihr meint. Ganz hübsch. Dann spaziert er wieder über die Wolken und lässt uns allein. In meinen Gedanken.

Ich bin schon so gespannt, was die Elemente mit dem Pflanzenbild anstellen werden. Spätestens November komme ich wieder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.