Der Brief

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Die Aufforderung weckt spontan zwei Gefühle in mir:

Ich bin verärgert und habe ein schlechtes Gewissen.

Erstmal meinen Bruder anrufen und klären, ob die Grabstätte vorzeitig geräumt werden soll oder nicht. Das Gespräch verläuft anders als erwartet: Räumen lassen oder kann man das nicht auch selbst organisieren?

Das Grab von einer Pietät pflegen zu lassen, kam nie in Frage. Wie soll ein Fremder meine Gefühle in ein Blumengesteck binden? Das muss aus mir selbst kommen. Der letzte Besuch ist 2 Jahre her. Wir haben weiße Kiesel aufgefüllt und bei der Gelegenheit einen Baum aus schwarzen Kieseln gelegt. Die Teelichter konnten wir nicht mehr anzünden. Es war zu windig.

Manchmal hat es mich hingezogen. Bevor ich geheiratet habe. In Krisenzeiten. Zum Heulen. Oder zum Reden und um für neue Grabgestaltung am Todestag zu sorgen. Eher unregelmäßig. Und ich bin froh, wenn das Nutzungsrecht erlischt. Ich muss keine – aktuell 31 Kilometer – fahren, Heidekraut pflanzen und das Grabmal sauber schrubben, um meinen Eltern nahe zu sein, um sie zu trauern oder Ehre zu erweisen. Mein Vater würde jetzt lachen. Glaube ich. Denn der Gedanke, dass ihm ein Bouquet, Keramik-Engel oder Plastikblumen Ehre erweisen könnten, klingt verdammt danach, als würde mein Vater herzlich drüber lachen können.

Die Erinnerungen an sie, trage ich in mir. Ich habe Zeitungsartikel, Briefe, Tagebücher und Fotos, in der Vergangenheit Gespräche geführt, Erinnerungen anderer Menschen aufgenommen und meine Eltern ein wenig besser kennen und verstehen gelernt.

Die Malerei meiner Mutter war im Hanauer Klinikum ausgestellt. Mit dem Ausstellungstitel Absentia.

Ich lebe die Erinnerung an meine Eltern und gebe sie an meine Kinder weiter. Das Grab haben wir gemeinsam besucht und feierlich Fackeln angezündet. Das hätte meiner Mutter bestimmt gefallen.

Den Kindern hat es gefallen.

Mir hat es gefallen.

Sicher. Das Grab ist bei jedem Besuch ein kleines Wunder. Weil es sich in meiner Abwesenheit verändert. Es lebt. Im Gegensatz zu meinen Eltern. An den letzten Grabbeigaben hat sichtbar der Zahn der Zeit genagt. Tote Gegenstände.

Spontane Begleitvegetation hat sich angesiedelt. Ich will das nicht schön reden, trotzdem ist das einzig Lebendige – das Unkraut. Warum ist mir das unangenehm? Doch nur wegen der Menschen, die auf dem Friedhof flanieren und sich ein Urteil bilden. Weil man einen Mangel an Interesse impliziert? Ach guck mal, da war auch schon lange keiner mehr!

In den vergangenen Jahren hat das niemanden interessiert. Ein Telefonat mit der Verwaltung bringt Klarheit. Ich könne ja schauen, welche Gräber in der Umgebung jüngeren Datums seien. Der Rest ist Datenschutz.

Über die Toten links und rechts, vorn und hinten habe ich nie bewusst nachgedacht. Nach unserer Reihe gab es lange Zeit gar keine Gräber. Ich wollte die Entwicklung mal fotografisch festhalten. Irgendwo habe ich bestimmt noch eine alte Aufnahme. Ein unentwickelter Film. Hab es nicht weiter verfolgt. 

Mir geht seit geraumer Zeit ein Spruch durch den Kopf: Urteile erst über Menschen, wenn du einen Tag in Ihren Schuhen gelaufen bist. Wenn du die gleichen Berge und Täler durchschritten, die gleiche Trauer und Freude durchlebt hast. Was weiß ich schon!
Wer die Gräber ringsherum pflegt, kann ich nicht sagen. Bekannte Namen, unbekannte Namen. Ich treffe hier keine Bekannten. Bei Besuchen kommen hässliche Erinnerungen hoch, an Menschen, die uns in harten Zeiten mit Härte begegnet sind, die mein Leben und die Krankheit meiner Eltern für Ihren Dorfklatsch missbraucht haben. Diese Menschen leben noch hier, vielleicht auch nicht mehr. Jedenfalls hab ich deswegen eine Freundin gebeten mich ausnahmsweise zu begleiten, als moralische Unterstützung. Normalerweise brauche ich das nicht. 

Mein Leben findet 31 Kilometer entfernt statt. Es findet 25 Jahre entfernt statt. Das ist so verdammt weit weg.

Natürlich sieht das Grab ungepflegt aus.

Was würde ich tun, wenn nebenan ein knapp 1,20 Meter hoher Kompasslattich wachsen und mich pieksen würde?

Ihn ausreissen, weil er mich stört? Vielleicht.

Ignorieren? Wahrscheinlich.

Mit der Bestimmungs-App fotografieren und mich an einem neuen Pflanzennamen erfreuen? Möglich. Bei der schlechten Internetverbindung hier vor Ort unmöglich.

Würde ich mich bei der Gemeinde über den Zustand eines Grabes beschweren?

Sicher nicht.

Ausgeschlossen.

Den Kompasslattich, hat eine liebe, kräuterkundige Freundin bestimmt. Er ist die Stammpflanze unseres Gartensalates und seine Blätter richtet er parallel zur Sonneneinstrahlung aus. Klingt doch charmant. Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Es ist wie im Museum. Ich schaue mir auf dem Weg zur Grabstätte die Jahreszahlen auf den umliegenden Grabsteinen an, Geburts- und Todestage, Namen. Die Grabgestaltung, Grabmal und Einfassung. Wieviel Nippes jemand aufgestellt hat. Entweder spricht mich eine Arbeit an oder eben nicht. Kritisieren könnte ich eine ganze Menge. Was mir persönlich gefällt, unangenehm auffällt. Diese Bewertungen bleiben meist in meinem Kopf. Ich nehme mit Unkraut überwucherte Gräber zur Kenntnis. Das war’s.

Und frage mich: Warum müssen Gräber aussehen, wie akkurat getrimmte Vorgärten? Alle gleich, als wäre die Trauer gleich. Bunt, blühend, sauber. Ordentlich. Muss das so sein? Dabei gibt es doch so viele unterschiedliche Beziehungen, Trennungen und Ausdrucksformen. Davon sehe ich den Gräbern kaum etwas an. Wurde der Mensch geliebt, der dort liegt? Gibt es überhaupt noch Angehörige, die an die Person denken? Was sagen frische Blumen und wenig Unkraut über die Beziehung aus? Eigentlich nur, dass jemand kürzlich das Grab besucht hat. Oder jemand dafür bezahlt wird, dass es so aussieht. Aus Liebe? Schmerz? Dankbarkeit? Pflichtgefühl?

Die Friedhofsordnung macht für die Bepflanzung lediglich die Vorgabe: §36 (2) „{…} geeignete Gewächse zu verwenden, die andere Grabstätten und die öffentlichen Anlagen und Wege nicht beeinträchtigen.“

Mindestens ein Mensch fühlte sich beim Anblick des Kompasslattichs beeinträchtigt. Gestört. Ärgert sich. Oder schlimmer noch: der Zustand entspricht nicht der Friedhofsordnung, die mir auferlegt die Grabstätte so zu gestalten und an die Umgebung anzupassen, so dass die Würde und Pietät des Ortes gewahrt wird. Das will ich nicht. Die Würde und Pietät des Ortes verletzen. Mit meiner phasenweisen Abwesenheit. Es beschämt mich. Warum? Was ist mit dem Respekt meinen Gefühlen gegenüber? Und wer kann besser beurteilen, was meinen Eltern etwas bedeutet hätte, als ich?

Jüdische Friedhöfe gefallen mir. Das sind Orte der Ruhe. Bäume, Moose, Farne, Licht und Schatten. So stelle ich mir eine Ruhestätte vor. Einen Friedwald! Ich möchte unter einem Baum bestattet werden, in biologisch abbaubarer Urne. Mit einer Samenbombe! An einem Ort, den meine Kinder und Enkelkinder besuchen können. Frei von bürokratischer Ordnungsliebe. Kein Kitsch, keine Primeln. 

Auf meiner Beerdigung sollen nur Menschen reden dürfen, die mich kannten, die lustige, traurige, peinliche und abenteuerliche Geschichten erzählen können. Was sie mit mir erlebt haben und vielleicht noch gern erlebt hätten. Sie sollen anziehen was sie wollen, schwarz oder bunt – wie sie sich fühlen. Wie sich jeder einzelne erinnern will. Sie dürfen mir hinterherwerfen, was sie mit mir in Verbindung bringen und sollen bis in den Abend zusammen sitzen und auf unser gemeinsames Leben trinken. Es soll ein schöner Moment sein, wenn alle zusammenkommen, die mich kannten und mir so die letzte Ehre erweisen.

Klar, ich bin da gar nicht dabei. Und ich weiß ja auch nicht, was ich hinterlassen werde. Schätze, ich wünsche es mir, weil Beerdigungen, nicht wegen der Umstände, einfach furchtbare Veranstaltungen sind.

Meine Gefühle haben sich verändert. Es tut nicht mehr so weh an meine Eltern zu denken. Ich breche nicht mehr in Tränen aus, wegen der Ungerechtigkeit, dass sie so früh gestorben sind. Dass sie uns nicht vorbereitet haben, dass kein richtiger Abschied möglich war, weil Eltern gar nicht sterben wollen und sich bis zuletzt an das Leben, an die Hoffnung klammern.

Zeit heilt alle Wunden, mag eine Erkenntnis sein, die irgendwann eintritt und zutrifft. Irgendwann. Niemand hat das Recht, diesen Satz einem Trauernden an den Kopf zu werfen. Das Leben geht weiter. Ja, es stimmt. Aber es ist anmaßend von außen beurteilen zu wollen, wann. Das kann nur jeder für sich. Irgendwann. Ich bin 41 Jahre alt.

Der erste Besuch war November 1992, die Beerdigung meiner Mutter. Drei Jahre später starb der Vater. Nach 30 Jahren endet unser Nutzungsrecht. Verlängern könne man das nur, wenn mein Vater prominent, Bürgermeister oder so gewesen wäre, hat mir mal eine Dame am Telefon erklärt. Damals waren die Enkel noch jung. Sind es noch. Haben ihre Großeltern nie kennengelernt. Möchte ich, dass meine Kinder irgendwann Nutzungsberechtigte einer Grabstätte werden? Damit ihnen einer vorwerfen darf, dass sie sich nicht ordentlich, nicht pflichtbewusst genug, um meinen verscharrten, verwesenden Körper kümmern? Indem sie die Erde darüber allgemein ansprechend gestalten.

Also was bedeutet es für mich?

November 2022 ist Schluss. Dann müssen wir der Gemeinde Geld überweisen, damit Stein und Einfassung entfernt und Erde aufgefüllt werden. Was passiert mit etwaigen Überresten?

Jedenfalls gibt es dann keinen Ort mehr an den ich fahren kann. Werde ich das Grab vermissen?

Es rückt unausweichlich näher. Ein weiterer Abschied.

Ein weiterer Lebensabschnitt ohne die beiden an meiner Seite. Entscheidungen, Ereignisse, Erfolge, Fehltritte, Enttäuschungen, Überraschungen, Katastrophen, Feste, Momente, Ziele, Träume und Ängste. Freude.

Nach dem Tod habe ich wie besessen gezeichnet. Rückblickend Fragen verarbeitet, die mir niemand stellte und für die mir ohnehin die Worte gefehlt hätten. Wie verabschiedet man sich, wenn niemand den Tod auch nur in Erwägung zieht?

Malen hat mir geholfen, deshalb habe ich Kunst studiert. Während des Studiums fragte ich mich: Wer ist dieser Mensch, das Mädchen, die Frau, der, das, die, sich immer noch fühlt, wie ein verlassenes Kind? Unsicher. Unvollständig. Ungenügend. Ständig auf der Flucht oder Suche. Was will ich hier eigentlich? Was ist mein Thema?

Tote Eltern reichen nicht. Es geht doch um Intellekt, nicht Emotion! Oder?

Ein Galerist hat mal belustigt gefragt, ob ich meine Familie ausstellen wolle. Warum denn nicht? Was kann ich denn an authentischen Kunstwerken produzieren unabhängig von meiner Sozialisation?

Ich vermisse es nicht. Bewerbungen schreiben, als wäre ich arbeitslos. Absagen einstecken, für wenig oder gar kein Geld Arbeiten verpacken, Transporte organisieren, präsentieren und mich doch nicht verkaufen können.

Künstlerische Arbeit macht mich glücklich. Ausstellungen sind ok, mit anderen Menschen wett-bewerben stresst mich. Eine Frage des Erfolges, ob man das aushalten kann.

Das können viele Menschen einfach viel besser als ich. Ich kann andere Sachen. Die machen mir Freude, werden honoriert. Natürlich würde es mir ebensolche Freude bereiten mit und von meiner Kunst leben zu können. Ist halt so.

Manche Studienkollegen haben behauptet, weil in den bekanntesten Kunstlexika kaum Frauen vorkämen, sei das Beweis genug, dass Frauen es einfach nicht könnten. Kunst komme von Können.

Nach getaner Arbeit höre ich auf der Rückfahrt „Höchste Zeit“. Darin heißt es:

„Ihr kennt die Szenen, schwarz auf weiß,

Bewegt, in Farbe, selbst den Tod gibt’s live. 

Wir sind vom ganzen Leid so überreizt,

dass kein Gefühl, nur Ohnmacht übrig bleibt.

Und ich seh unsre Kinder wachsen,

Hör sie Fragen stelln.

Können wir wirklich nicht mehr machen,

als die Tage zähl’n?

Sagt mir, was unsren Söhn‘ und Töchtern bleibt!

Steht auf! Es ist höchste Zeit!

Oh, wie lang, wie lang, wie lang, wie lang, zu lang

Hab’n wir nur zugesehn, weggesehn, nur uns gesehn,

Yeah, yeah, yeah,

Wie lang, wie lang, wie lang!

Solang‘ wir unsre Stimme heben,

widerstehn, Liebe säen,

Ist es nicht zu spät.“

Bei den Worten „steht auf!“, muss ich lachen. Joy Denalane hat bei den Zeilen natürlich nicht an meine Eltern gedacht. Das Bild erscheint plötzlich in meinem Kopf. Zombie Apokalypse. Hände, die sich aus der Erde wühlen. Mama und Papa. Ich mag Zombie-Filme.

Eben haben wir noch zu zweit den Kompasslattich rausgerissen. Haben eine Plane ausgelegt, Sand darauf verteilt. Dabei Musik gehört. Ich habe die Frage „Was ist Unkraut?“ laminiert und einen spontanen Kranz geflochten. 

Und jetzt fahre ich die 31 Kilometer nach Hause zu meiner Familie und freu mich wie ein Honigkuchenpferd. Es fühlt sich richtig an, nicht pietätlos. Es sieht auch gar nicht so provokant aus, wie ich befürchtet habe. Ich habe ja nicht vor jemanden zu verärgern. Ich rechne bloß damit. Wir sind eine so Störungs-anfällige Gesellschaft. Ständig auf der Suche nach den Verfehlungen anderer. Allzeit bereit uns zu ärgern, auf Teufel komm raus.

Der Cd-Player spielt das Lied, dass ich vor etlichen Jahren auf einen Rohling gebrannt hatte. Die Zeilen, wirken – aus dem Zusammenhang gerissen – fast prophetisch.

Als wäre die Strophe für diesen Tag geschrieben worden, als habe ich sie deshalb aufgenommen und aufbewahrt und heute abgespielt. Um mir Mut zu machen, mir zu sagen: Mach schon, richtig so!

Der Brief der Gemeinde und ja, die Beschwerde dieser unbekannten Person, haben mich aufgewühlt und Fragen aufgeworfen:

In zwei Jahren bin ich so alt, wie meine Mutter, als sie gestorben ist. So lang. Es ist höchste Zeit. Es ist nicht alles schwarz-weiß. Das Leben ist schön. Es ist voller Farben und Hoffnung. Den Tod tausendfach in Filmen und Serien zu sehen, tagtäglich, lässt nicht ansatzweise ahnen, wie es ist, einem Menschen live beim Sterben zusehen zu müssen und zu verlieren. Der Schmerz und die Trauer wirken länger, als es Mitmenschen ertragen können. Vom Leid so überreizt. Was werde ich meinen Kindern mitgeben? Was habe ich anderen Menschen in meiner Situation mitzuteilen? Viel Gefühl. Der Ohnmacht widerstehen. Wenn ich schon gezwungen werde etwas zu gestalten…Meine Stimme finden…dann wenigstens so, wie ich es für richtig halte! Subjektiv richtig. Es ist noch nicht zu spät. 

Ich habe entschieden, dass ich diesen Abschied gestalten möchte. Ich kann es nicht abgeben. Nicht vorzeitig räumen lassen. Die letzten beiden Jahre Nutzungsrecht, will ich nutzen und weiterhin bestimmen, wie das Grab aussehen soll. Ob dort absichtlich eine Löwenzahnwiese gedeiht oder ein Meer aus Plastikblumen ewig falsch und unecht blüht. Ich möchte ihn genießen den allerletzten Abschied. Ich möchte ihn zu einem Fest machen, zu einem Vergnügen. In Liebe. Selbst. Bestimmt.

4 Antworten auf „Der Brief“

  1. Liebe Kerstin,
    dein Brief ist wunderschön zu lesen und traurig zugleich. Sehr poetisch. Schreibe ein Buch, ich würde es sehr gerne lesen!
    Sende deinen Brief doch mal an deine Heimatzeitung.

  2. Liebe Kerstin,

    als ich von Deiner Idee hörte war ich ehrlich gesagt, wieder typisch deutsch, erst mal ein wenig geschockt. Sie wird doch nicht, sie macht doch nicht, hab mir dann aber auch gesagt naja ist ja ihre Sache.

    Dennoch blieb ein wenig Rest Kritik in mir. Ich habe also die ganzen Statements von Dir sehr mit Vorsicht betrachtet und mich in Zurückhaltung geübt was das Liken Deiner Beiträge in dem Bezug angeht.

    Jedoch habe ich mir jetzt mal die Zeit genommen und mir Deine Zeilen durchgelesen und sie auch versucht zu verstehen. Es stellt sich tatsächlich die Frage „Was erwarten die Toten von uns?“. Was würde ihnen gerecht werden? Und nein man kann es nicht mit einem einfachen so und so sollte es sein beantworten. So verschieden wie wir Menschen nun mal im Leben sind so sollten wir sie auch im Tode unterschiedlich betrachten und sie bedenken.

    Du hast für Dich eine Entscheidung getroffen wie Du mit der Trauer und der Wut über den Brief umgehst. Die Wut hast Du dabei allerdings nicht nur auf die Gemeinde, sondern auch auf Deine „Nachbarn“ die sich gestört fühlen von einem Kompasslattich, der doch nur zeigt wo die Sonne scheint. Leider hast Du auch eine gewisse Wut auf Dich. Und hier liegst Du genau falsch. In der ganzen Sache darf man auf keinen wütend sein. Die Nachbarn die für sich entschieden haben „so soll es sein“ haben das ihre gewählt. Sie haben nur vergessen den Spruch „Wenn der Garten des Nachbarn Dir nicht gefällt, schaue in Deinen“ zu verinnerlichen und auch zu Leben. Die Gemeinde muss halt tun was sie eben tun muss. Sicherlich wären noch hunderte Jahre vergangen ohne dass es die Gemeinde wirklich gestört hätte.

    Deine Entscheidung wie Du nun das Grab betreust, ist Deine Entscheidung und nach Deinen Zeilen kann ich sie sogar sehr gut verstehen und sie gut heißen. Auch wenn es mir nicht zusteht ein Urteil über die Art und Weise wie Du damit umgehst zu fällen.

    Ich habe in den Zeilen Dich näher kennenlernen dürfen, so wie Du bist, wie Du lebst und wie Du denkst. Und ja ich verstehe Dich besser denn je. Deine Gefühle, Deine Ohnmacht und Deine Entscheidungen im Leben. Alles gehört zu Dir und hat sicherlich Dein Leben mehr als geprägt.

    Das Grab ist ein Symbol und man darf sich auch fragen muss ich so ein Symbol mit mir rumtragen, muss ich mich danach richten ist es das was meine Gegangenen wollten? Ich glaube nein. Das was Menschen die uns für wichtig erachten uns lehren und lernen wollen ist das Leben. Ihnen ist es egal was mit ihnen ist was am Ende mit ihnen geschieht. Ob es eine Verbrennung ist und deren Verschüttung in das Meer (aus versehen versteht sich) oder der Friedwald oder eben gar eine Friedhofsbestattung die dann solche Dinge hervorrufen kann.

    Eltern wollen, in den meisten Fällen zumindest, für ihre Kinder das Beste. Sie wollen nicht dass man sich mit ihren Hinterlassenschaften quält. Sie möchten in Erinnerung bleiben. Deine Mutter wird, so verstehe ich es nach Deinen Zeilen, immer in Deiner Erinnerung und Deinem Schaffen sein, denn Du hast ihre Künste übernommen. Sie lebt also in Dir weiter und nicht in irgendeinem Grab welches man so oder so gestalten kann.

    Lebe Dein Leben, lasse Dich nicht dahin ziehen, dass Du das Grab nicht so gemacht hast, wie es sich Deine Eltern gewünscht hätten. Ich glaube und behaupte, Deine Eltern hätten sich genau diese Art und Weise von Dir gewünscht, mit der Sache umzugehen.

    Es ist schön Dich näher kennen gelernt zu haben, auch wenn es durch solch eine traurige Sache ist.

    Ich drück Dich ganz fest und sage : „Nie kann ich Dein Wohnzimmer beurteilen, wenn ich nicht mal durch Deinen Flur gelaufen bin.

    1. Lieber Norbert,

      habe schon bei Deiner besseren Hälfte ein gewissen Widerwillen gegen mein Projekt wahrgenommen. Das stimmt mich erstmal traurig. Gleichzeitig bin ich dir dankbar für deine Offenheit und freue mich auf unser nächstes Gespräch vis-à-vis!

      An einer Stelle muss ich direkt widersprechen:

      Wut ist nicht falsch. Kein Gefühl ist jemals falsch. Gefühle kommen und gehen. Wichtig ist, wie wir mit ihnen umgehen. Mit welchen Gedanken wir unsere Gefühle lenken und wonach wir unser Handeln ausrichten.

      Was das Grab anbetrifft: Ich mache das ganz allein für mich. Der Austausch mit meinen Mitmenschen ist mir dabei enorm wichtig, sonst würde ich es kaum öffentlich machen. Kritik gehört dazu.

      Was mich interessiert, neue Fragen aufwirft und Ideen fördert, ist was andere Leute denken und empfinden. Bewertungen sind oberflächlich, solange die dazugehörigen Empfindungen darunter verborgen bleiben.

      Voraussetzung für diese Projekt: Authentizität, Einklang mit mir selbst und meiner inneren Stimme folgen.

      In Liebe. Selbst. Bestimmt.

      Deine Kerstin

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