Der Kreis schließt sich

30 Jahre Nutzungsrecht. Was für ein merkwürdiges Wort. Eigentlich werden Gräber von Toten genutzt. Sie haben das Recht in Ruhe zu Erde zu werden. Innerhalb von 30 Jahren. Abhängig von der Erdbeschaffenheit können Knochen erhalten bleiben. Definitiv liegen da unten ein paar Goldkronen. Und beinahe wäre ein Brustimplantat dabei gewesen. Andere Geschichte. Wir Angehörigen hatten 30 Jahre das Recht die Oberfläche zu nutzen. Aber auch die Pflicht, wenn es bei den Nachbarn Unwohlsein hervorrief. Ein paar Reihen weiter ist das Grab eines ehemaligen Nachbarn. Die Hinterbliebenen haben auf Stein und Einfassung verzichtet. Die Gestaltung ist seit Jahren recht individuell. Ob die auch Briefe erhalten haben? Ja, ärgert mich immer noch. Allerdings am meisten, dass ich mich so unter Druck gesetzt gefühlt habe. Mich erst mein schlechtes Gewissen dazu genötigt hat, mich zwei Jahre mit dem Grab meiner Eltern auseinanderzusetzen. Ist das die „richtige“ Motivation? Wie geht es anderen damit?

Am 13. November 2022 nehme ich gemeinsam mit der Familie Abschied von der Grabstätte. Und den Goldzähnen. Und was sonst noch übrig ist. Grabstein und Einfassung. In einem Schrebergarten sah ich vor kurzem bei einem Spaziergang mehrere alte Steine liegen. Eingezäunt eingelagert am Waldrand, wartend auf eine neue Verwendung. Allein alles entfernen zu lassen, wird etwas kosten. Natürlich sind die Gebühren gestiegen. So wie alles zurzeit. Was passiert dann mit dem Stein. Dreissig Jahre waren Namen hineingemeisselt. Einfach entsorgen? Aufbewahren? Wie und wo?

Für das Finale gibt es einen kleinen Kreis aus 30 putzigen Engeln. Sie beten, spielen Musikinstrumente, lesen. Drei von ihnen dürfen in die Mitte. Flügelspitze an Flügelspitze. So wie Papa, Bruder und ich, nachdem Mama gestorben war. Jeder allein mit der ganzen Traurigkeit. Gibt es heute bessere Hilfsangebote für Familien in solchen Situationen? Gibt es für Kinder mehr Verständnis und Unterstützung als ich erfahren habe?

Am 14. November ist dann endlich das große Jubiläum. Zu den 30 Engeln gesellen sich 6 mit Kohlenstaub geschwärzte Raben. Meine Ursprungsfamilie. Mama, Papa, Bruder und die beiden Omas. Alle Figuren sind aus drei Farben Lehm und dürfen wieder vergehen. Den Abschluss bildet ein dritter Kreis aus dornigen Ranken mit rot leuchtenden Früchten. Wie ein Nest. Oder eine Barriere. Wie hätten wohl 30 Jahre ausgesehen, wenn Heidi und Manfred den Krebs überlebt hätten? Welche Farben hätten 30 Jahre gehabt? Welche Situationen ergeben, welche Erinnerungen geformt? Wie wäre unser Leben verlaufen? Anders? Gleich? Ähnlich?

Mein Bruder möchte den Zerfall mit einem Video dokumentieren. Die Friedhofsverwaltung erlaubt das Aufstellen einer Kamera. Die soll niemanden stören und nur das Grab und den Stein filmen. Wir sind schon komische Vögel. Aber wir dürfen. Ich bin froh, dass dort im Büro eine Person sitzt, die freundlich mit den Schultern zuckt und uns gewähren lässt.

Als ich die Vögel montags aufstelle, kümmert sich eine Frau gegenüber um das Grab der Schwiegermutter. Ihren „Alten“ schickt sie nochmal los eine Gartenschere zu besorgen, während ich vorsichtig die Figuren ausrichte. Zum Schluss sagt sie: „Das ist immer so schön, was Sie hier machen!“ Mir geht das Herz auf.

Ich habe dem Stein nicht viel mitzuteilen. Heute ist es schlimmer, als an anderen Tagen. Die Leere ist groß, ich finde keine Worte und kann mich trotzdem kaum losreissen.

Es werden nur immer mehr Fragen.

Ich bedanke mich für alles, was die beiden mir mitgegeben haben. Ich verbrenne ein wenig Lavendel und singe in alle vier Himmelsrichtungen „…ein Teil des Kreises bist du…..“

Und dann verabschiede ich mich schweren Herzens und

gehe.

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