Die Rückkehr des Lattichs

Vielleicht liegt es daran, dass ich in den vergangenen drei Jahren so häufig am Grab war, wie in 30 Jahren nicht. Der letzte Besuch Ende November, fühlt sich an, als wäre er erst wenige Wochen her. Und doch hatte der Lattich genug Zeit, ein Loch in das Herbsttuch zu reissen, sich ans Licht zu kämpfen und seinen gewohnten Platz einzunehmen. Ich mag den Lattich immer mehr. 

Gleichzeitig spüre ich, wie wenig mir dieser Ort gibt. Es findet keine Kommunikation statt. Es gibt keine Verbindung. Ist unser Vater damals mit uns Kindern zusammen hergekommen? Nach der Beerdigung? Ist er überhaupt hergekommen? 

Meine Schwiegermutter geht jeden Tag ans Grab ihres Mannes. Definitiv hat sie eine Verbindung zum Friedhof. Auch in ihrer Heimat ist ein Besuch bei den Verstorbenen üblich. Zum Glück pflege ich das Andenken an meine Eltern. Nur nicht hier.

Eigentlich hatte ich vor ein Heer aus Engeln am Todestag unseres Vaters aufzustellen. Damit er was zu Lachen hätte.

Die Kitsch-Armada, die mir vorschwebte, kam nicht zustande. Ein Aufruf in den sozialen Medien und Anzeige im Netz lockte niemanden auf Dachböden, in Keller oder an die Vitrine der verstorbenen Erbtante, um eine verstaubte Sammlung aufzulösen und mir zu überlassen. Gibt nix geschenkt. Könnte ja noch was wert sein.

Wenn ich lieben Mitmenschen davon erzählte und wir am Straßenrand einen Engel sahen, hieß es oft: „Nimm den doch einfach mit!“ Aber so einfach ist das nicht. Da stehen Kreuze, Blumen und weiße Figuren, dahinter trauert jemand. Es sind keine einfachen Gegenstände. Es sind magische kleine Talismane. In ihnen sind Erinnerungen festgehalten. Unsichtbar für Fremde, voller Geschichten für Hinterbliebene. Vielleicht auch nicht. Aber unsichtbar bleibt unsichtbar. Und jemanden verletzen, der verletzt ist, indem ich etwas Unsichtbares entferne, ist das Letzte was ich will.

Ich bin ganz froh darüber, dass die Idee aus Mangel an Geschenken gestorben ist. In jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne.

Mein Bruder war fleissig und hat mit einer Silikon-Form in der Zwischenzeit 30 kleine Engel produziert. Wie viele Erinnerungen in ihnen stecken, bleibt ebenso verborgen. Jeder geht mit Schmerz und Abschied anders um. Auf diese Weise ist es jedoch um Welten persönlicher. 

Das Ende ist in Sicht. Nur noch zweieinhalb Monate. Dann werden Stein und Einfassung entfernt, mit Erde aufgefüllt und mit Rasen eingesät. Ob wohl von den Gebeinen unserer Eltern noch etwas übrig ist? Wann wird wohl ein neues Grab an dieser Stelle ausgehoben werden?

Schon merkwürdig, dass mir der Gedanke daran mehr bedeutet, als mir die Oberfläche je gegeben hat.

Zum Gedenken an unseren Vater ein Ring aus gelben Blüten. Topinambur blüht gerade im Garten. Die in der Pflanze enthaltene Chlorogensäure gilt als vorbeugend gegen Krebs. 

Wenn man Verbindungen herstellen möchte, klappt das schon irgendwie 🙂

1 Kommentar zu „Die Rückkehr des Lattichs“

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